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Norderney Kurier (Serie erschien vom 30.11.2018 - 14.12.2018)

Kurgast Nummer 12405
In einer dreiteiligen Serie berichtet Lübbert R. Haneborger über den "vergessenen Kurgast" Harry Graf Kessler.

Vor 130 Jahren besuchte ein junger Mann das königliche Seebad Norderney, der gerade erst sein Abitur in der Tasche hatte und späterhin zu einem der schillerndsten Europäer an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert werden sollte. Der vor 150 Jahren geborene Harry Graf Kessler war ein bedeutender Schriftsteller, Verleger, akribischer Tagebuchschreiber, Hobby-Fotograf, Weltreisender, Dandy, Kunstmäzen, Museumsdirektor, Politiker und Vordenker - und sorgte vor 100 Jahren als Diplomat für die Rückkehr der deutschen Kriegsgefangenen aus Russland. Zwei Ferienwochen auf Norderney stellten wichtige Weichen für sein Leben.

In Michael Fleischers höchst lesenswerter Dokumentation über "Berühmte Gäste Norderneys - Im königlichen Seebad 1800-1914" fehlt sein Name zu unrecht gänzlich. Zugegebenermaßen hatte Harry Graf Kessler am 27. August 1888 auch gerade erst sein Abitur als Klassenbester am ehrwürdigen Hamburger Johanneum bestanden, als er kurz darauf im Seebad Norderney für zwei Wochen Erholung suchte und in mondäner Gesellschaft eine Entscheidung für seine Zukunft treffen musste.

Als Gast Nummer 12.405 der Amtlichen Fremdenliste verzeichnet, stieg er im vornehmen und großen Hotel Kaiserhof in der Kaiserstraße mit seinen 180 Zimmern ab, was Dokumente des Stadtarchivs der Insel belegen. Und die Norderneyer Episode blieb keineswegs belanglos, wie er noch Jahrzehnte später, im ersten Teil seiner 1935 veröffentlichten Lebenserinnerungen unter dem Titel "Gesichter und Zeiten" auf mehreren Seiten schildert: "Im Herbst bezog ich die Universität Bonn. Vorher hatte ich in Norderney Ferien verlebt, die mich zur Wahl gerade dieser Universität bestimmten." (Kessler: Lehrjahre, S. 75)

Zeitgeschichtliche Figur

Hätte es seinerzeit schon Gesellschaftsmagazine wie die heutige "Gala" oder "Bunte" gegeben, so wären Kessler und seiner Familie wahrscheinlich in jedem Heft seitenweise Artikel gewidmet worden. Sein ganzes Leben liest sich nicht nur wie ein spannender Zeitroman der hereinbrechenden Moderne; als zeitgeschichtliche Figur und Neuerer ist Kessler bis heute eine der faszinierendsten, einflussreichsten und zuweilen widersprüchlichsten geblieben. Als akribisch-sachlicher Tagebuchschreiber und ausgesprochener Kunstkenner und Netzwerker war er von bedeutsamem Einfluss auf das kulturelle und politische Leben von den 1890er-Jahren bis zur Machtergreifung Hitlers in Deutschland und lässt seine Leser bis heute hieran teilhaben.

Ab 1880 füllte Kessler nämlich für 57 Jahre seines weiteren rastlosen Lebens über 15.000 Tagebuchseiten mit Texten und Fotos, dokumentierte darauf rund 12.000 Begegnungen, oft mit berühmten Persönlichkeiten, beschrieb stilsicher seine zahlreichen Reisen und Aktivitäten in Europa und rund um den Erdball. Es ist kein Zufall, wenn noch heute prominente Köpfe der internationalen Kulturszene, wie der Modeschöpfer und Fotograf Karl Lagerfeld, in ihm ein Vorbild sehen.

Geboren wurde Harry Clément Ulrich Kessler am 23. Mai 1868 in Paris. Sein Vater Adolf Wilhelm Kessler, der unter seinen Schweizer Ahnen den Reformator Johannes Kessler nennen konnte, war als Pariser Direktor und Teilhaber des Hamburger Bankhauses Auffm’ Ordt mit mutigen Transaktionen sehr wohlhabend geworden. So wohlhabend, dass sein Sohn bis fast an sein Lebensende sorgenfrei leben, mehrere Haushalte mit Personal unterhalten, Hotelzimmer auf Jahre reservieren und viele kulturelle und politische Projekte anschieben und Kulturfreunde fördern konnte.

Privater salon

Seine geliebte "Mémé", Mutter Alice Harriet Baroness Kessler, geb. Blosse Lynch, die dem irischen Landadel entstammte und in Bombay aufgewachsen war, schrieb Romane, betrieb ein eigenes Theater und führte einen privaten Salon. Die schöne Dame, Star der feinen Gesellschaft, förderte genauso wie Harrys 1877 geborene Schwester Wilhelma (Wilma) - spätere Marquise de Brion - zeitlebens das Interesse ihres Sohnes für Kunst, Literatur und schöne Bücher.

Doch der Vater, Sohn eines Hamburger Pastors, hätte seinen Sohn lieber als seinen Nachfolger oder im diplomatischen oder zivilen (Staats-)Dienst des Kaiserreichs gesehen. Für seine Verdienste um die deutsche Kolonie in Paris und den dortigen "Hülfsverein" wurden Kessler senior und seine Familie 1879 von Kaiser Wilhelm I. geadelt und 1881 in den Grafenstand erhoben. Weil der Kaiser Alice Kessler - nach einer ersten Aufwartung im Kur Bad Ems - seit vielen Jahren verehrte, kursierte das Gerücht, Harry sei ein unehelicher Sohn des deutschen Kaisers.

Drei Schulen in drei Ländern formten Harry Kesslers Bildung und Werdegang. Nach unguten Jahren in einer kleinbürgerlichen Pariser Ganztagsschule wurde er auf der berühmten und strengen St.George’s School in Ascot (England) zum emotionskontrollierten Gentleman geprägt, bevor er am muffigen und der körperlichen Ertüchtigung fern stehenden Johanneum in Hamburg sein Abitur ablegte. Er las, sprach und schrieb in Englisch, Deutsch und Französisch und den antiken Sprachen. Doch wie sollte es nun standesgemäß weitergehen?

Hotel Kaiserhof (links im Bild)
Vornehme Unterkunft: Graf Kessler wohnte natürlich im größten und einem der besten Hotels am Platze, dem Hotel Kaiserhof (links im Bild) an der Kaiserstraße, mit 180 Zimmern und 280 Betten.

Kaiserstraße um die Jahrhundertwende
Die Kaiserstraße um die Jahrhundertwende: eine feine Adresse und ein beliebter Ort zum Flanieren.

Gast Nummer 12 405
Gast Nummer 12 405: Graf Harry Kessler aus Hamburg stieg laut Gästeverzeichnis von 1888 im Hotel Kaiserhof ab.

Graf Adolf Wilhelm von Kessler
Graf Adolf Wilhelm von Kessler (1839 bis 1895) wurde 1879 in den Adelsstand und 1881 in den Grafenstand erhoben.

Harry Graf Kessler
Harry Graf Kessler im Jahr seiner Abiturprüfung und Norderney-Reise 1888.

Gräfin Alice Harriet von Kessler
Gräfin Alice Harriet von Kessler wurde 1844 in Bombay geboren und starb 1919.


Die Inselwache

Teil 1 - (30.11.2018)
Teil 2 - (07.12.2018)
Teil 3 - (14.12.2018)

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